Ein nächtlicher See, ein Gerippe auf einem Stein, Mondlicht, Nebel und die stille Frage, was vom Menschen bleibt, wenn die Landschaft längst gelernt hat, ohne ihn weiterzubestehen.Dieses Prosafragment kreist um Vergänglichkeit, Erinnerung und das leise Verschwinden menschlicher Spuren.
Am Ufer des Sees, der sich nicht erinnert
Prosafragment / melancholische Miniatur
In den Wäldern um den See, wo die Fichten so dicht stehen, dass das Mondlicht nur in Splittern durchdringt, saß eines Nachts ein Gerippe auf einem flachen Stein, der halb ins Wasser ragte. Es war kein besonderes Gerippe, weder das eines Kriegers noch das eines Gelehrten, sondern eines jener anonymen Körper, die die Zeit aus ihren Listen gestrichen hat. Die Rippenbögen spannten sich wie die Rippen eines umgestürzten Kahns, und die leeren Augenhöhlen richteten sich auf die Oberfläche des Wassers, in der der Mond sich spiegelte, größer und kälter als am Himmel.
Der Nebel stieg vom See auf, langsam, wie Rauch aus einem erloschenen Feuer, und legte sich um die Knochen, als wollte er sie wärmen oder sie endgültig auflösen. In weiter Ferne, jenseits der Baumreihe, hörte man das leise Knacken der Äste, das die Kälte verursacht, wenn sie tiefer in das Holz eindringt. Es war dieselbe Kälte, die vor Jahrhunderten schon durch die Glieder jenes Wesens gefahren war, das nun hier saß, ohne zu frieren, ohne zu hoffen.
Manchmal, so schien es, bewegte sich eine der Fingerknochen leicht, als wollte sie eine Zigarette halten, die nie geraucht wurde, oder als erinnerte sie sich an die Geste des Zeigens auf etwas, das längst verschwunden ist – einen Weg, einen anderen Menschen, ein Haus am Ufer, das die Überschwemmungen des letzten Jahrhunderts mitgenommen haben. Doch die Bewegung war nur eine Täuschung des Lichts, das über die Wasserfläche glitt und Schatten warf, die länger wurden, je höher der Mond stieg.
Der See selbst schwieg. Er hatte schon so viele Spiegelungen gesehen: Liebende, die sich küssten und dann auseinandergingen; Fischer, die ihre Netze einholten und leere Hände fanden; Kinder, die Steine hineinwarfen und dem Echo lauschten. Nun spiegelte er nur noch diesen einen Rest, diesen knöchernen Wanderer, der nirgendwohin mehr ging. Und im Spiegelbild war der Mond doppelt so groß, doppelt so fern, und die Sterne fielen wie Asche darauf herab, ohne je den Grund zu erreichen.
Wer weiß, dachte ich, während ich das Bild betrachtete – und vielleicht dachte es auch das Gerippe –, ob nicht wir alle, die Lebenden, nur vorübergehende Besucher sind in dieser Landschaft, die sich längst an den Tod gewöhnt hat. Der See atmet weiter, die Bäume wachsen weiter, der Nebel kehrt jede Nacht zurück. Nur wir kommen und gehen, und hinterlassen nichts als ein paar Wellen, die sich glätten, bevor der nächste Wind sie wieder aufwühlt.

