Diese Ballade führt tief in das Gedächtnis Sachsens: in Berge, Stollen, Silber, Arbeit, Schmerz und Heimat. Sie erzählt nicht von einem makellosen Land, sondern von einem gezeichneten – von Glanz und Brand, von Schuld und Kraft, von Menschen, die trotz allem weitergehen.
Unter Sachsens Erde
Eine lyrische Ballade
Die Berge haben nie geschwiegen,
sie reden nur nicht laut.
Wer nachts die Stirn an Steine legt,
hört, was kein Morgen schaut.
Tief unter Sachsens Fichtenland
schläft mehr als Stein und Erz.
Dort ruht, von keiner Zeit verbannt,
ein altes, schweres Herz.
Es schlug im Klang der Hämmer tief,
im Stollen schwarz und kalt,
wo einer noch nach oben rief,
und seine Stimme hallt.
Von Silber träumt der dunkle Schacht,
von Händen, hart und wund.
Und tief im Fels, bei schwarzer Nacht,
geht noch ein alter Mund.
Er spricht von Männern ohne Ruh,
von Licht in schwarzer Erde,
von Brot, das man dem Berg entriss,
damit es Leben werde.
Die Glocke rief. Der Morgen kam.
Der Wald stand still im Schnee.
Ein Weib sah lange talwärts aus,
ihr Blick tat keinem weh.
Sie wusste, was der Berg verschlang,
sie kannte Staub und Schweigen.
Und wenn ein Name nicht mehr klang,
begann der Wald zu geigen.
Da wuchs aus Not ein harter Stolz,
nicht laut und nicht geschmückt.
Ein Herz aus Rauch, aus Erz und Holz,
von keinem Glanz entrückt.
Und über Tälern, grau und weit,
zog schwer der Hammerklang.
Er schlug durch Arbeit, Brot und Zeit
wie ein uralter Gesang.
Dann kamen Städte, Stein an Stein,
und Türme stiegen hell.
Die Elbe trug den Himmel heim,
vorbei an Schloss und Quell.
In Meißen schlief der weiße Glanz,
in Dresden Licht und Pracht.
Doch unter jedem goldnen Kranz
lag Erde, schwer und sacht.
Die Herren gingen hoch zu Ross,
die Fenster standen klar.
Man baute Kirche, Brücke, Schloss
aus allem, was einst war.
Doch wer nur Kronen glänzen sieht,
kennt nicht des Landes Grund.
Denn jedes schöne alte Lied
trägt Staub in seinem Mund.
Auch Leipzigs Straßen hörten viel,
von Handel, Wort und Geist.
Von jenem Menschen, der im Ziel
doch oft den Weg vermisst.
Die Bücher sprachen, Orgeln klangen,
der Markt trug Stimmen weit.
Und manche Seele blieb dort hangen
zwischen Traum und Wirklichkeit.
O Sachsen, Land aus Wald und Stein,
aus Silber, Rauch und Fluss,
du bist nicht nur ein Heim allein,
du bist auch Schmerz und Kuss.
Du hast die Feuer kommen sehn,
den Himmel rot und wund.
Du sahst die Menschen schweigend gehn,
mit Asche auf dem Mund.
Die Mauern fielen, Namen auch,
die Glocken wurden schwer.
Und über manchem Abendrauch
lag plötzlich gar nichts mehr.
Doch wer durch Trümmer heimwärts geht,
der trägt mehr als Verlust.
In ihm ist etwas, das noch steht,
tief unter seiner Brust.
Dann grub man wieder in den Stein,
doch anders war die Zeit.
Kein Silber sollte heller sein,
nur Tiefe, Last und Leid.
Im schwarzen Grund, wo keiner sang,
lag Uran in stummer Nacht.
Und mancher Körper wurde krank
von dem, was Macht bewacht.
Kein Berg vergisst, was man ihm nahm,
kein Stollen schließt sich ganz.
Wo einst der schwere Wagen kam,
verblasste mancher Glanz.
Doch auch daraus spricht dieses Land,
nicht klagend, nicht verklärt.
Es zeigt die aufgerissne Hand,
die trotzdem weiter nährt.
Denn Heimat ist nicht bloß das Licht,
das weich auf Dächern ruht.
Sie ist auch, was im Dunkel bricht,
und dennoch weiter tut.
Sie ist der Fluss, der Namen trägt,
die längst verweht im Wind.
Sie ist der Stein, der nicht verrät,
wo seine Toten sind.
Sie ist der Wald, der abends schweigt,
wenn Nebel niederfällt.
Sie ist der Turm, der aufwärts zeigt,
obwohl nichts ewig hält.
Und manchmal, wenn die Nacht beginnt,
geht etwas durch das Land.
Ein alter Ton im kalten Wind,
ein Schlag aus tiefer Wand.
Dann klingt aus längst verschlossnem Schacht
ein Hammer, fern und rein.
Als hätte einer tief bei Nacht
noch Arbeit mit dem Stein.
Dann rauscht die Elbe silbern schwer,
als trüge sie Bericht
von allem, was gewesen wär,
vergäße Sachsen nicht.
Und überm Erzgebirge steht
ein Stern, so hart und klar.
Er weiß, dass alles weitergeht,
auch wenn es dunkel war.
So neige ich mich diesem Land
nicht blind und nicht im Wahn.
Ich seh den Glanz, ich seh den Brand,
ich seh den schweren Plan.
Ich seh die Wunde, seh die Kraft,
seh Schuld, Geduld und Brot.
Ich seh, was Sachsen in sich schafft:
ein Leben trotz der Not.
Nicht unberührt. Nicht ohne Narben.
Nicht frei von alter Last.
Doch tief genug, um zu bewahren,
was keine Zeit verblasst.
Und wer hier geht, der geht nicht leer,
auch wenn er fortwärts muss.
Er trägt vom Berg ein Körnchen schwer,
vom Wald den dunklen Gruß.
Er trägt ein Lied aus Hammerklang,
ein Schweigen aus dem Stein,
den Fluss, der durch die Jahre drang,
und will doch Heimat sein.
Die Berge haben nie geschwiegen,
sie reden nur nicht laut.
Wer nachts die Stirn an Steine legt,
hört, was kein Morgen schaut.
Tief unter Sachsens Fichtenland
schläft mehr als Stein und Erz.
Dort ruht, von keiner Zeit verbannt,
ein altes, schweres Herz.
